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Sauter, Peter (2000): Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache
- Unterricht als erster Schritt zur Integration.
In: Integration. Informationen für Lehrpersonen, die
Deutsch als Fremdsprache oder in multikulturellen Klassen
unterrichten. Zug: November 2000, 1-4.
In meiner Tätigkeit als DaF- und DaZ-Lehrer für junge
Erwachsene an voruniversitären und universitären Sprachkursen
beobachte ich oft, dass Gespräche über Bedürfnisse und
Erwartungen an den Kurs auf die Beteiligten integrierender
wirken, wenn ich mit einzelnen KursteilnehmerInnen persönlich
spreche statt im Unterricht. In Momenten des persönlichen
Aus-tauschs höre ich genauere, direktere und wohl auch
aufrichtigere Aussagen, als wenn dieselben Personen
im Kursraum vor ihren KollegInnen sprechen. Sicher spielen
beim Kommunizieren in einer Gesprächsrunde gruppendynamische
Aspekte eine wesentliche Rolle und mögen einige daran
hindern, ihre persönlichen Gedanken in dieser Situation
auszusprechen.
Nun ist aber gerade die in den Lernprozess eingebrachte
Affektivität ausschlaggebend für die Motivation aller
Beteiligter. Als Kursleiter bin ich erst mal verantwortlich
dafür, eine angenehme Lernatmosphäre herzustellen. Die
Anwesenden wollen mit ihren Lernbedürfnissen ernst genommen
werden und dazu müssen sie die Gelegenheit erhalten,
ihre Lernwünsche in der Runde zu formulieren. Oft sind
sie sich der Auswahl möglicher Lernziele nicht bewusst
und so braucht es vorab eine Phase der Reflexion über
das Sprachenlernen, bei der auch die persönlichen Sprachbiografien
vorgestellt werden. Damit erreiche ich gleich zu Beginn
einen auf-schlussreichen Austausch von individuellen
Lernerfahrungen und -erinnerungen und mehrere didaktische
Ziele auf einmal:
- andere Lernweisen relativieren die eigene Praxis
und geben neue Lernideen;
- über die Sprachbiografie lernen alle auch den biografischen
Hintergrund der anderen kennen;
- alle Anwesenden bringen sich gleichberechtigt ein,
die berichteten Erfahrungen erhöhen die Wertschätzung
durch die andern und das Selbstwertgefühl der Einzelnen,
alle fühlen sich ernst genommen;
- die individuellen Erfahrungen werden gleichwertig
nebeneinander gestellt und reflektiert, wodurch die
eigenen Verhaltensweisen, Einstellungen und Werte bewusst
gemacht und kritisch hinterfragt werden können;
- durch die geweckten Erinnerungen werden Emotionen
spürbar, die Atmosphäre wird affektiv aufgeladen und
in der Lerngruppe entsteht ein Erlebnis von kooperativer
Gemeinsamkeit.
Auf der Basis der im Kreis berichteten Lernerfahrungen
lassen sich nun einfacher die weiteren Lernbedürfnisse
formulieren, die den KursleiterInnen die benötigten
Hinweise auf den Sprachlernstand und die inhaltlichen
Wünsche und Interessen der Lernenden geben. Ein weiteres
wichtiges Ergebnis dieser Aussprache ist zudem, dass
ich schon früh auf schwierige Lebenssituationen, die
das Lernen behindern, aufmerksam werde. Dies ermöglicht
mir, mit den betreffenden Personen in einem anschliessenden
Gespräch auf das Problem einzugehen.
Immer wieder erweist sich der Dialog über das Lernen
als probates Mittel, den Lernenden zu signalisieren,
dass ich sie als je eigenes Lernindividuum wahrnehme
und in ihren Lernbemühungen gezielt fördern will. Dies
wird von den Lernenden auch als Offenheit für einen
zwischenmenschlichen Kontakt erlebt und verstärkt wiederum
die affektiven Aspekte beim Sprachenlernen. Wenn die
oder der Unterrichtende für die Lernenden eine ihrer
Hauptbezugspersonen aus der Zielkultur ist, hat das
für die Lernmotivation eine umso grössere Bedeutung.
Je besser ich mich mit der individuellen Lernsituation
der einzelnen Lernenden bekannt mache, desto besser
kann ich mich in sie hineinversetzen und die Prioritäten
verstehen, die sie in ihrer aktuellen Lernsituation
setzen (müssen). Nur allzu leicht vergessen wir in unserer
vergleichsweise sicheren Existenz, dass auch wir in
einer entsprechend unsicheren oder neuen Lebens-lage
zuallererst ein minimales inneres Gleichgewicht zu finden
versuchen, bevor wir uns auf neue Lerninhalte konzentrieren
können. Denn das Erlebnis einer Migration bringt die
psychische Stabilität jedes Menschen aus dem Lot, und
dies natürlich noch viel mehr, wenn existenziell bedrohliche
und traumatisierende Vertreibungs- oder Fluchtgründe
dahinter stehen. In diesem Sinn muss die Migrantin oder
der Migrant in der Auseinandersetzung mit sich selbst
prioritär die Integration der eigenen Persönlichkeit
wieder herstellen. So lautet die eine Bedeutung des
Wortes Integration nach Duden: "Wiederherstellung eines
Ganzen, einer Einheit, Vervollständigung". Dazu gehören
vorab die physiologischen Bedürfnisse des existenziellen
Überlebens, dann aber auch und schon bald sehr drängend
die psychologischen Bedürfnisse nach Sicherheit und
sozialem Kontakt. Erst mit dieser Wiederherstellung
seiner integrierten Persönlichkeit kann sich ein Mensch
in der Migration auf neue Ziele konzentrieren, wie die
Auseinandersetzung mit der Zielkultur, zu der das Erlernen
ihrer Sprache gehört.
Erst jetzt ist eine Integration im zweiten Sinn (nach
Duden) möglich: "Einbeziehung, Eingliederung in ein
grösseres Ganzes". Dabei ist gleich auf die zweifache
Perspektive dieser Umschreibung hinzuweisen: Einbeziehung
vom integrierenden Ganzen aus gesehen sowie Eingliederung
vom sich integrierenden Glied aus gesehen, also ein
zweiseitiger Vorgang, der - wie wir wissen - nur mit
der beidseitigen Bereitschaft dazu gelingen kann.
In der Hilfe zur persönlichen wie gesellschaftlichen
Integration liegt meiner Ansicht nach die wertvollste
Funktion des Unterrichts von Deutsch als Zweitsprache
begründet. Mit dem oben beschriebenen Erfahrungsaustausch
zwischen den Lernenden habe ich zugleich grundlegende
Elemente des DaZ-Unterrichts angesprochen. In der Auseinandersetzung
der Lernenden mit den so unterschiedlichen Erfahrungen
und Hintergründen ihrer KollegInnen entsteht eine Multiperspektivität
in den Inhalten. Sie bildet eine natürliche Basis für
das interkulturelle Erlernen der verschiedenen Teilfähigkeiten
der sozialen Kompetenz: Einfühlungsvermögen, Kommunikations-,
Team- und Kritikfähigkeit. Dabei wird der individuelle
Ausdruck ermöglicht, gelernt und akzeptiert und die
sich daraus ergebenden Erkenntnisse werden handlungsorientiert
inner- und ausserhalb des Unterrichts umgesetzt. Die
(zu Unrecht) beklagte Heterogenität von Deutsch-klassen
stellt damit ein enormes Lernpotenzial dar, und zwar
gerade auch für die einheimi-schen Jugendlichen im gemischten
erst- und zweitsprachigen Deutschunterricht.
Parallel zum kommunikativen Verhalten müssen die Selbstkompetenzen
der Lernenden reflektiert und gefördert werden. Dies
geschieht z.B. indem Arbeitstechniken für die individuellen
Lernprozesse sowie Lernstrategien zur Verbesserung der
Lernfähigkeit erprobt, ausgewählt und eingesetzt werden.
Die stetig zunehmende Selbständigkeit beim Lernen soll
die Lernenden besser auf die Anforderungen unserer individualisierenden
Gesellschaft vorbereiten.
Dadurch dass das Erlernen von sozialen und Selbstkompetenzen
mehr Gewicht erhält, bekommt die Sachkompetenz in der
Zielsprache ebenfalls einen andern Stellenwert. Nicht
etwa eine möglichst fehlerfreie Beherrschung des Hochdeutschen
ist erstes Ziel des DaZ-Unterrichts. Auch mit unvollständigen
Sprachkenntnissen sollen sich die Lernenden in den verschiedensten
Kommunikationssituationen so verhalten können, dass
sie aus ihrer existenziellen Notlage heraus zu einer
befriedigenden neuen Lebensgrundlage finden - entsprechend
ihren individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten sowie
in einer möglichst kreativen Weise. Die schmerzhafte
Erfahrung der Migration kann so in eine das Individuum
bereichernde Erfahrung der Befreiung münden.
Literaturhinweise (auch hilfreich zur Übertragung
auf jüngere Lerngruppen):
- Nodari, Claudio, et.al.: Kontakt 1. Deutsch für
fremdsprachige Jugendliche. Lehrwerk und Kommentar.
(1994). Kontakt 2. Deutsch für Jugendliche. (1996).
Lehrmittelverlag des Kantons Zürich.
- Portmann-Tselikas, Paul R.: Sprachförderung im
Unterricht. Handbuch für den Sach- und Sprachunterricht
in mehrsprachigen Klassen. Orell Füssli, Zürich, 1998.
- Schader, Basil: Sprachenvielfalt als Chance. Handbuch
für den Unterricht in mehrsprachigen Klassen. Hinter-gründe
und 95 Unterrichtsvorschläge für Kindergarten bis
Sekundarstufe I. Orell Füssli, Zürich, 2000.
- Ambühl-Christen, Elisabeth, et.al.: Ausbildung
und Integration von fremdsprachigen Jugendlichen auf
der Sekun-darstufe II. Expertenbericht. EDK Bern,
2000.
- Flusser, Vilém: Von der Freiheit des Migranten.
Bollmann Verlag, Bensheim, 1994.
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